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Unsere Blindenbücherei ist 2008 neunzig Jahre alt geworden.

Sicher werden sich die meisten unserer Benutzer fragen: „Wie ist das möglich ? Damals gab es doch noch keine Hörbücher!“

Aus diesem Grund wollen wir Ihnen eine kurze Geschichte unserer nun neunzigjährigen Einrichtung  anbieten.

 

Schon im Jahre  1916  legte der Fürstbischof von Breslau,  Kardinal Bertram, dem Borromäusverein in Bonn die Gründung einer katholischen  Blindenbücherei nahe.

Der Borromäusverein - als  zentrale Einrichtung für den Unterhalt und dieVersorgung  der katholischen Pfarrbüchereien -  sollte für die geschätzten 10-18.000 blinden  Katholiken entsprechende Literatur in Blindenschrift anbieten.  Gegen Ende des 1.Weltkriegs dachte man besonders an die Bedürfnisse der Kriegsblinden. Schon im Dezember 1916 konnte der finanzielle Grundstein mit einem „Konzert zum Besten der Kriegsblindenbibliothek des Borromäusvereins“ gelegt werden. Es dauerte noch rund 2 Jahre, bis der Borromäusverein im Juni 1918 die Blindenbücherei eröffnete.

 Der „Bonner Generalanzeiger“ berichtete in der Ausgabe vom 16.Juni 1918:

„Der Borromäusverein hat es trotz seiner im Kriege vermehrten Tätigkeit gerne übernommen, durch Schaffung einer Blindenbücherei dem Bedürfnis Rechnung zu tragen.

In dankenswerter Weise sind seit längerer Zeit mehrere Damen eifrig tätig, mit dem Erfolg, daß die Bücherei heute auf den Bestand von 130 Bänden angewachsen ist.  Diese setzen sich aus Werken aller Literaturgebiete zusammen. Noch aber ist die Bücherei bei weitem nicht ausreichend im Hinblick auf die große Zahl der Kriegsblinden“.

 

Der Buchbestand und die Zahl der Leser wuchsen verhältnismäßig rasch. Der Jahresbericht von 1933 verzeichnete 1.734 Punktdruckbände.  Die rund 400 Leser verteilten sich über Deutschland, Litauen, Tschechoslowakei, Luxemburg, Frankreich, Österreich und die Schweiz.

Die erfreuliche Entwicklung wurde durch die Schrecken des 2.Weltkriegs unterbrochen.  Der Buchbestand hatte die Kriegsjahre einigermaßen unbeschadet überstanden, als nach Kriegsende amerikanische Besatzungstruppen bei der Durchsuchung  der Zentrale  des Borromäusvereins weit über die Hälfte der Bücher in der Annahme vernichteten, die Punktschrift sei eine militärische Geheimschrift.

Wieder ging es an den Aufbau und die Neubeschaffung von Punktschriftbüchern.  Überall die gleichen Nachkriegserscheinungen: Mangel an Schreibtafeln, Papier und Punktschriftmaschinen.

In einem Jahresbericht von Ende 1951 wurde der Buchbestand mit rund 3000 Bänden angegeben. Schon damals war die Ausleihe kostenlos. Allerdings kostete ein 7-Kilo-Paket 4 Pfennige  Porto.  Das Hinporto wurde von der Bücherei gezahlt, das Rückporto  vom Leser. 

 

Die Einrichtung einer Hörbücherei.

Bis zur Entwicklung des Tonbandes stellte die Brailleschrift  die einzige Möglichkeit dar,  Blinden eine Verbindung zur Literatur zu verschaffen. Zur Erlernung der Blindenschrift bedarf es einer gewissen Konzentration und eines feinen Tastvermögens. 70 % der Blinden haben ihr Sehvermögen erst im fortgeschrittenen Alter verloren und können die Blindenschrift nicht mehr erlernen. Diesem Mangel konnte mit der Entwicklung des Hörbuchs abgeholfen werden.

                        

Bereits im Jahr 1950 hatte die „Schweizerische Bibliothek für Blinde und Sehbehinderte“  in Zürich mit dem Einsatz von Hörbüchern begonnen.

1954 wurde in Marburg die erste deutsche Blindenhörbücherei gegründet, 1955 die „Westdeutsche Blindenhörbücherei“ in Münster.

Nach reiflicher Überlegung entschloß sich der Borromäusverein, die Bonner Blindenbücherei dem  technischen Fortschritt anzupassen und durch eine Tonbandbücherei zu ergänzen.

Zu diesem Zeitpunkt waren die bestehenden Hörbüchereien für die regionale Betreueung der Hörer zuständig. Als überregionale Einrichtung sollte die katholische Blindenbücherei vor allem den Interessen der katholischen Hörer dienen. Die Deutsche Bischofskonferenz stellte dem Borromäusverein 10.000 DM  als finanziellen Grundstock  zur Verfügung.

Im Februar 1964 wurde mit der Ausleihe von Hörbüchern auf Tonband  begonnen. Die Tonbandzeitung „St.Raphael“, die seit 1962 von der Blindenseelsorge des Caritasverbandes in Frankfurt herausgegeben wurde,  konnte von der Bonner Hörbücherei übernommen werden.

 

Die Buchausleihe begann mit 278 Titeln auf Tonband.

Im Jahresbericht von 1965 wurde hervorgehoben, daß sich die Einrichtung der Tonbandbücherei nicht nachteilig auf die Ausleihziffern der Punktdruckbücherei ausgewirkt habe. Die Hörbücherei sei also kein Ersatz für die Punktschriftbücherei, vielmehr stelle sie eine Ergänzung dar.

In den folgenden Jahren stieg die Zahl der Benutzer rasant. Dies führte zu einem raschen  Ausbau der Hörbücherei .

Allerdings war eine großer Prozentsatz der älteren Blinden und hochgradig Sehbehinderten wegen einer gewissen Scheu vor der Technik nicht in der Lage, mit Tonbandbüchern umzugehen.

Dies wurde mit dem Einsatz der Kompaktkassette schlagartig anders. Der Start der Kassettenbücherei erfolgte im Jahre 1973. Wegen der kinderleichten Handhabung des Kassettenrecorders und der platzsparenden Aufbewahrungsmöglichkeit der Kassetten interessierten sich immer mehr Hörer  - auch im fortgeschrittenen und hohen Alter – für die Hörbücher auf Kassetten.

Der Trend von der Tonbandbücherei zur Kassettenbücherei war unaufhaltsam und wurde von der Industrie durch ein ständig geringer  werdendes Angebot an Zweispur-Tonbandgeräten beschleunigt.

Aufgrund des stark gestiegenen Interesses am Angebot der Blindenbücherei stieß der Borromäusverein an räumliche und  finanzielle Grenzen.

 

Im Jahr 1984 erfolgte die Übernahme durch das Deutsche Katholische Blindenwerk. Die gemeinnützige Selbsthilfe-Organisation der katholischen Blinden in Düren  engagiert sich weltweit  für die Blindenarbeit aus christlicher  Sicht.

Ein neues zweckmäßiges Gebäude wurde  in der Graurheindorfer Straße  errichtet und am 31.August 1986 offiziell an die gemeinnützige Gesellschaft übergeben. In zwei modernen Tonstudios werden täglich neue Hörbücher und  verschiedene Zeitschriften hergestellt und vervielfältigt.

Bis zum Jahre 2005 hatte sich das Angebot an Hörbüchern auf  Kassetten auf  fast 5000 Titel erhöht.

Nun bringt  die technische Entwicklung es mit sich, daß nach einigen  Jahrzehnten  auch das Zeitalter der Kassetten zu Ende geht.  

Wie früher bei der notwendigen Umstellung der Tonbandbücherei auf Kassetten, ist jetzt das Angebot an einfachen Kassettenrecordern und Kopieranlagen für die Kassettenproduktion total zurückgegangen. Wenn ein einfacher Philpps-Recorder seinen Geist aufgibt, findet sich im Handel kein entsprechendes Ersatzgerät.

 

 

Das neue Medium für die Hörbücher aller Blindenbüchereien auf der ganzen Welt ist die Daisy-CD.

Im Gegensatz zur normalen  CD, die nur eine Spielzeit von ca 75 Minuten hat, kann auf einer Daisy-CD  ein ganzes Buch mit einer Laufzeit von bis zu 30 Stunden aufgenommen  und abgehört werden.

Dies ist ein wichtiger Vorteil, da ein längeres Hörbuch sonst auf mehreren normalen Audio-CDs abzuhören wäre.  Damit wären die blinden und hochgradig sehbehinderten Hörer vor unlösbare Probleme gestellt.

Seit dem Jahr 2005 werden alle neu aufgenommenen Hörbücher nur noch im Daisy-Format aufgenommen und ausgeliehen. Alle Bücher, die in den letzten Jahren in den Medien oder Bestsellerlisten  besprochen wurden, können Sie nur noch als Daisy-CD ausleihen. Wenn Sie auf die Lektüre von Neuerscheinungen Wert legen, benötigen Sie also ein Daisy-Abspielgerät.  Seit  Januar 2008 sind unsere  Zeitschriften „Lux Vera“, „L'Osservatore romano“, „Feierstunden“ und „St.Raphael“ nur noch auf einer einzigen  Daisy-CD  abzuhören. Die Hörer haben die Wahl, welche Zeitschrift und welche Artikel sie abhören wollen.

 

Die Umstellung der Hörer auf das neue Medium DAISY begann schleppend, aber inzwischen haben sich 3/4 unserer Hörer  für den Kauf eines Daisy-Players entschieden  und selbst Hundertjährige kommen sehr gut mit dem Gerät zurecht. 

Für unsere Einrichtung bedeutet die Umstellung der Aufnahmestudios auf digitale Technik eine echte finanzielle Herausforderung, aber es gibt keine andere Lösung. Ob wir es wollen oder nicht – die technische Entwicklung geht weiter  und  läßt uns keine Wahl. Jede Hörbücherei, die es versäumen würde, rechtzeitig umzustellen, könnte in absehbarer Zeit schließen. Auf der anderen Seite bringt die neue Technik wirkliche Verbesserungen für die Hörer, aber auch für uns als Hörbücherei  und nicht zu vergessen für die Post. Statt ein Hörbuch mit bis zu 3 oder 4 Boxen zu versenden, ist jetzt  jedes vollständige Hörbuch in einer leichten Versandbox unterwegs.